Stell dir vor du hast die Idee, ein soziales online Netzwerk anzubieten. Personen können dort ein Profil anlegen und Videos von sich hochladen, in denen sie etwas über sich erzählen. Die Leute können sich in dem Netzwerk miteinander verbinden und austauschen, dass ist das Ziel. Außerdem denkst du es wäre nett, wenn man die Videos direkt in dem Programm bearbeiten könnte, wenn man die Videos anderer nach bestimmten Stichworten durchsuchen könnte und so weiter. Du sitzt also in deinem Studentenzimmer, programmierst monatelang die entsprechende Webseite, ein integriertes Videobearbeitungsprogramm, Sprachererkennung ect. Und dann? Dann stellst du fest, dass niemand deine tolle Seite nutzt. Mist. Das war doch so viel Arbeit! Wollen sich die Leute denn nicht vernetzen? Menschen sind doch soziale Wesen und lieben den Austausch, heißt es immer. Egal, nach der aufwändigen Programmierung ist dir eh das Geld ausgegangen und du musst dein Projekt auf Eis legen. Wie hättest du diese Zeit- und Geldverschwendung verhindern können?

Die Antwort: Mit einem MVP – einem Minimum Viable Product. Zu deutsch: ein minimal brauchbares Produkt. Eine Version deines Produkts, die gerade so viele Informationen hergibt, um seine Vision und Kernidee zu vermitteln. Nicht mehr und – wichtig – nicht weniger.

Es geht nicht darum das kleinste Feature deiner Idee anzubieten, sondern das wichtigste. Nur das wichtigste. Wenn es dir also bei deinem Online Netzwerk darum geht, dass sich Personen untereinander vernetzen, solltest du genau diese Funktion anbieten: ein einfaches Profil und die Möglichkeit, sich mit anderen zu verbinden. Nun kannst du testen, ob Personen diese Funktion gut finden und sie nutzen. Eine einfache Funktion zur Bearbeitung von Videos hätte dir das beispielsweise nicht verraten.

Was bringt ein MVP?

Mit dem gerade beschriebenen MVP hat Facebook tatsächlich einmal angefangen. Es war ziemlich simpel und hatte entscheidende Vorteile:

  1. Die Grundidee konnte mit minimalem Aufwand getestet werden. Kommt die Idee gut an? (Bei anderen Startup-Ideen auch: Würden Personen hierfür Geld ausgeben?)
  2. Das Angebot kann am und mit dem Kunden angepasst werden. Durch Feedbackloops und enge Zusammenarbeit mit den Kunden kannst du dein Produkt nach ihren Bedürfnissen ausrichten und weiterentwickeln. Als lernendes Startup verhinderst du so, dass du unnötige, aber aufwändige Features einbaust, die keine/r braucht.

Wie sieht ein MVP aus?

Das hängt ganz davon ab, wie sich die Kernidee deines Produkts am besten darstellen lässt und wie getestet werden soll, ob Personen dafür Geld ausgeben. Einige Möglichkeiten sind:

  1. MockupsEin Mockup dient dazu Design und Aufbau eines Produkts, z.B. einer App zu konzipieren und zu testen. Ein Tool für visuelle Mockups ist beispielsweise Figma. Hier kann man die visuellen Oberflächen eines Onlinetools gestalten und diese auch miteinander verbinden (z.B. die Startseite mit dem Hauptmenü), sodass man sie wie eine echte App durchklicken kann, ohne das eigentliche Produkt erst bauen zu müssen.
  2. Landing PagesMan kann eine Landing Page für ein Produkt erstellen, das es noch gar nicht gibt. Dort stellt man sein Produkt so attraktiv wie möglich vor und bietet dann beispielweise die Möglichkeit zum Kauf an. Wird auf diese Option geklickt kann man anbieten sich für einen Reminder anzumelden, der einen informiert, wenn das Produkt tatsächlich verfügbar ist. So lässt sich echtes Interesse von Personen feststellen, man kann sich Feedback zu der Idee einholen und auch schon verschiedene Preisvarianten testen.
  3. Piecemeal MVPHier greift man auf bereits bestehende Tools zurück, um die eigene Idee zu testen. Man passt also ein anderes Tool nur leicht an oder bedient sich seiner Funktionen und entwickelt es nicht komplett neu. Hier ist natürlich auf Marken- und Urheberrechte zu achten und Kooperationen sollten abgesprochen sein.
  4. Concierge / Wizard of Oz MVPDiese beiden MVP-Typen haben gemeinsam, dass man die Funktion des geplanten Produkts zunächst manuell, also händisch erledigt bevor man die Technologie zur Automatisierung entwickelt. Zum Beispiel kann man anbieten anhand eines kurzen Fragebogens einen Diätplan für Personen zu erstellen. Um die Idee mit minimalen Aufwand zu testen, sammelt man zunächst die Daten von Personen, erstellt die Pläne dann selbst per Hand und testet, wie die Idee ankommt. Das eigentliche Ziel ist danach natürlich, dass dein Tool diese Pläne selbst erstellt. Der Unterschied zwischen beiden Typen ist, dass beim Concierge MVP allen Beteilgten klar ist, dass zunächst Menschen die Arbeit machen. Beim Wizard of Oz MVP wird das verschwiegen und die KundInnen sollen denken das Tool funktioniere schon wie gewollt.

Fazit

Ein MVP ermöglicht es dir mit minimalem zeitlichem und finanziellem Aufwand die maximale Information über deine Produktidee zu erhalten. Es verhindert, dass du dein Produkt „an KundInnen vorbei“ entwickelst. Um wertvolles Feedback zu deinem Produkt zu erhalten sollte die zentrale Idee dahinter deutlich werden. Und falls dich dein Perfektionismus hemmt, ein „unfertiges“ Produkt zu testen, hilft dir vielleicht dieses Zitat von LinkedIn Co-Founder Reid Hoffmann:

„Wenn dir die erste Version deines Produkts nicht peinlich ist, hast du es zu spät auf den Markt gebracht.“